Key Visual des Israel Survey 2025. Abstrakte grafische Illustration mit der großen Zahl 25 in Türkis- und Grüntönen. Die Ziffern sind aus geometrischen Formen aufgebaut und von feinen Linien, Kreisbögen und Rasterelementen umgeben.

Israel Survey 2025: Trends in den europäisch-israelischen Beziehungen

Europa und der Nahe Osten befinden sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Doch wie haben sich die Prioritäten europäischer Entscheidungsträger angesichts der geopolitischen Zeitenwende verschoben? Um das zu beantworten, führt ELNET mit dem aktuellen Israel Survey zum ersten Mal die Ergebnisse von vier separaten Erhebungswellen seit 2022 zusammen.

Die Langzeitstudie mit über 1.000 Abgeordneten aus 35 europäischen Ländern offenbart nicht nur Momentaufnahmen aus vier Jahren, sondern klare Trends. Jenseits kurzfristiger politischer Konjunkturen lassen sich durch die umfassende Vergleichsstudie strukturelle Verschiebungen in den europäisch-israelischen Beziehungen nachvollziehen. Die Analyse zeichnet das Bild einer Partnerschaft, die sich immer stärker zu einer strategischen Sicherheitsallianz wandelt.

Beziehungen mit stabilem Fundament

Ein zentrales Ergebnis der Langzeitbetrachtung ist die bemerkenswerte Stabilität der Beziehungen. Trotz politischer Krisen bewertet eine klare Mehrheit der europäischen Abgeordneten das Verhältnis zu Israel über alle Jahre hinweg positiv. Durchschnittlich 70 Prozent der Befragten (zwischen 54 Prozent im Jahr 2025 und 87 Prozent im Jahr 2022) gaben an, die Beziehungen ihres Landes mit Israel seien gut oder sehr gut. Auch 2025 fordern 68 Prozent der Parlamentarier eine noch engere Zusammenarbeit: ein Wert, der sich nahtlos in die Ergebnisse der Vorjahre einreiht.

Gestapeltes Balkendiagramm zur Frage, wie die Zusammenarbeit des eigenen Landes mit Israel gestaltet werden sollte (2022–2025). Der Anteil der Befragten, die sich mehr Kooperation wünschen, sinkt von 81% (2022) auf 68% (2025). Gleichzeitig steigt der Anteil, der das aktuelle Niveau für ausreichend hält, von 18% auf 22%. Forderungen nach weniger oder keiner Kooperation bleiben insgesamt niedrig.

Sicherheit und Verteidigung im Fokus

Im Vergleich der Jahre 2022 bis 2025 lässt sich ein Prioritätenwechsel unter Europas politischen Entscheidungsträgern erkennen: Sicherheit und Verteidigung sind in den Fokus gerückt. Während 2022 nur 24 Prozent der Abgeordneten eine engere Verteidigungskooperation mit Israel befürworteten, stieg dieser Wert zuletzt auf 57 Prozent. Dieser Trend spiegelt sich auch in der Bedrohungswahrnehmung wider: Nach Russland wird der Iran inzwischen als zweitgrößte Gefahr für die europäische Sicherheit eingestuft. 2025 sprechen sich folgerichtig bereits 92 Prozent der Befragten dafür aus, die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) als Terrororganisation zu listen.

Liniendiagramm zu gewünschten Bereichen besonders enger Zusammenarbeit mit Israel von 2022 bis 2025. Der Wunsch nach mehr Kooperation in der Sicherheit steigt deutlich, der nach Terrorismusbekämpfung ebenfalls.

Antisemitismus als wachsende Bedrohung

Die Langzeitdaten zeigen zudem einen klaren politischen Trend bei der Wahrnehmung von Antisemitismus: Israelbezogener Antisemitismus wird von immer mehr Abgeordneten als gravierendes Problem bewertet. 2025 waren es bereits 75 Prozent, im Vorjahr noch 57 Prozent. Interessant ist dabei auch die Verschiebung in der politischen Ausrichtung: Während die Sorge vor rechtem Antisemitismus (26 Prozent im Jahr 2025, im Gegensatz zu 38 Prozent im Jahr 2024 und 35 Prozent im Jahr 2023) und sogenanntem „Alltagsantisemitismus“ (19 Prozent im Jahr 2025, im Gegensatz zu 47 Prozent im Jahr 2024 und 42 Prozent im Jahr 2023) abnimmt, werden der Antisemitismus aus islamistischen Kreisen (64 Prozent im Jahr 2025, im Gegensatz zu 53 Prozent im Jahr 2024 und 38 Prozent im Jahr 2023) und der politischen Linken (50 Prozent im Jahr 2025, im Gegensatz zu 43 Prozent im Jahr 2024 und 27 Prozent im Jahr 2023) deutlich häufiger als zentrale Bedrohung genannt.

Horizontales Balkendiagramm zu wahrgenommenen politischen oder ideologischen Bedrohungen jüdischen Lebens (2023–2025). Als größte Bedrohung werden islamistische Strömungen genannt, mit einem Anstieg auf 64 % im Jahr 2025. Ebenfalls deutlich steigen Nennungen von linksextremen Bedrohungen (50%). Die Wahrnehmung alltäglicher oder rechtsextremer Bedrohungen geht zurück.

Strategischer Reifeprozess europäischer Nahostpolitik

Auch der Blick der Parlamentarier auf die europäische Nahostpolitik der letzten Jahre offenbart klare Trends. Besonders deutlich wird der Wandel in der Bewertung des Hilfswerks UNRWA. Eine Auflösung der Organisation, der seit Jahren eine enge Verstrickung mit Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah vorgeworfen wird, und eine Übertragung der Aufgaben an andere Organisationen befürworten 2025 schon 68 Prozent der Befragten. 2024 waren es noch 44 Prozent. Parallel setzen Europas Abgeordnete verstärkt auf regionale Partnerschaften. 86 Prozent sprechen sich zuletzt für eine stärkere Rolle arabischer Staaten bei der Friedensfindung aus. Der hohe Wert unterstreicht den ausdrücklichen Wunsch nach regional verankerten Lösungen. Auch eine engere Einbindung Israels in die NATO findet breite Unterstützung unter den Abgeordneten. 74 Prozent befürworten eine engere Kooperation oder Mitgliedschaft des jüdischen Staates im Verteidigungsbündnis.
Gestapeltes Balkendiagramm zur Frage nach der zukünftigen Beziehung Israels zur NATO (2023–2025). Eine Mehrheit spricht sich für eine Ausweitung der Partnerschaft aus (56-68 %). Der Anteil, der eine NATO-Mitgliedschaft Israels befürwortet, beträgt 2025 schon 18%. Die Ablehnung oder der Wunsch nach Reduzierung der Zusammenarbeit betrifft nur eine Minderheit.

Carsten Ovens, CEO des European Leadership Network (ELNET) in Berlin, ordnet den Wandel ein: „Unsere erste Langzeitauswertung von 2022 bis 2025 zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung: Europa betrachtet Israel nicht mehr vorwiegend im Kontext der Geschichte, sondern durch die Brille gemeinsamer Sicherheitsinteressen und damit als unverzichtbaren Partner für die eigene Sicherheitsarchitektur. Innerhalb weniger Jahre hat sich der Wunsch nach engeren Verteidigungskooperationen fast verdreifacht – ein klares Indiz dafür, dass die geopolitischen Realitäten in den Parlamenten angekommen sind. Die europäisch-israelische Partnerschaft zeigt sich krisenfest und strategisch relevanter denn je.“

Eine detaillierte Auswertung der Themen und Trends sowie regionaler und parteipolitischer Perspektiven findet sich im Israel Survey 2025.