Israel gehört zu den weltweit führenden Wissenschafts- und Forschungsstandorten. Das Land investiert über sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung und belegt damit mit deutlichem Abstand den Spitzenplatz unter den OECD-Ländern. Deutschland und Europa sind unter anderem durch das Programm Horizon Europe eng mit der israelischen Forschungslandschaft verbunden. Diese Partnerschaft gerät jedoch zunehmend unter Druck. Forderungen nach einem Boykott israelischer Hochschulen und Wissenschaftler werden lauter.
Vor diesem Hintergrund besuchte Professor Arie Zaban, Präsident der israelischen Bar-Ilan-Universität, Mitte September Berlin, um mit akademischen Kollegen und politischen Entscheidungsträgern ins Gespräch zu kommen. Anlass seines Besuchs war zudem die Neugründung des Freundeskreises der Bar-Ilan-Universität bei einem feierlichen Empfang in der Botschaft des Staates Israel. Begleitet wurde Professor Zaban von Professor Leonid Yavits, Head of Hardware and Chips Design, sowie Professor Dragan Primorac, dem ehemaligen Wissenschaftsminister Kroatiens und Kandidaten für das Präsidentenamt, der Israel und der Bar-Ilan-Universität seit Langem verbunden ist.
Ein Schwerpunkt des Besuchs lag darauf, wie Deutschland und Israel ihre Zusammenarbeit in sicherheitsrelevanter Forschung und technologischer Innovation vertiefen können. Bei einem Roundtable der ELNET Security & Defense Initiative (ESDI) diskutierte die Delegation mit deutschen Experten über aktuelle Entwicklungen in der Verteidigungsforschung und Möglichkeiten einer engeren Kooperation. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Forschungseinrichtungen, Wirtschaft und Politik im Verteidigungsbereich besser miteinander verzahnt werden können. Angesichts wachsender sicherheitspolitischer Herausforderungen und eines zunehmenden technologischen Wettbewerbs zwischen autokratischen Regimen und demokratischen Staaten wird es immer wichtiger, wissenschaftliche Erkenntnisse in reale Anwendungen umzusetzen. Die Zusammenarbeit mit Partnern wie Israel wird umso wichtiger.
Besonderes Potenzial bietet die deutsch-israelische Zusammenarbeit bei Künstlicher Intelligenz, Halbleitertechnologien und weiteren Dual-Use-Technologien. Israel verfügt über ein beeindruckend leistungsfähiges Innovationsökosystem, in dem Wissenschaft, Wirtschaft und Sicherheitsinstitutionen eng zusammenarbeiten. Deutschland steht ebenfalls vor der Frage, wie Forschungsergebnisse schneller in die praktische Anwendung überführt werden können. Der Roundtable bot Gelegenheit, unterschiedliche Ansätze zu diskutieren und dabei auszuloten, wo die bilaterale Kooperation vertieft werden sollte.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das europäische Forschungsförderungsprogramm Horizon Europe. In den vergangenen Jahren wirken israelische Einrichtungen an über 900 Einzelprojekten mit und leisten Beiträge in verschiedenen Zukunftsfeldern. Das Land ist dabei Nettozahler, erhält also weniger Mittel aus dem gemeinsamen Fördertopf als es einzahlt. Dennoch werden immer wieder Forderungen laut, Israel auszuschließen – gerade jetzt, da die EU über die zehnte Förderperiode von 2028 bis 2034 verhandelt. Würde Israel seinen Status als assoziiertes Land verlieren, wäre das nicht nur für den jüdischen Staat und seine Forschungslandschaft ein erheblicher Verlust, sondern vor allem für Europa als Standort für Wissenschaft und Innovation – für die europäische Souveränität insgesamt.
Der Besuch der Bar-Ilan University Delegation unterstrich die Bedeutung der wissenschaftlichen Kooperation für die deutsch-israelischen Beziehungen. Gerade in strategisch wichtigen Forschungsfeldern wie Künstlicher Intelligenz, Hochtechnologie und Verteidigungsinnovation bestehen erhebliche Potenziale für eine noch engere Zusammenarbeit. Um diese zu nutzen, braucht es einen kontinuierlichen Dialog zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Wirtschaft und Politik – und die Fortführung der europäisch-israelischen Forschungsförderung. ELNET setzt sich dafür ein, bestehende Netzwerke auszubauen, neue Partnerschaften zu ermöglichen und die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Innovation nachhaltig zu stärken.
Anlässlich seines Berlinbesuchs sprach Professor Zaban auch mit der Jüdischen Allgemeinen und dem Magazin Cicero.
