Krieg gegen das iranische Regime – Strategische Einordnung eines dynamischen Konflikts

Angesichts der unübersichtlichen Lage im Nahen Osten richtete ELNET kurzfristig ein Online-Briefing  mit Richard C. Schneider aus. Der Journalist, Autor und langjährige ARD-Korrespondent in Tel Aviv ordnete die jüngsten Entwicklungen analytisch ein. Bereits zu Beginn machte er deutlich: Die Situation ist hochdynamisch, gesicherte Informationen sind rar: „Das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit“.

Eine neue Qualität der Bedrohung

Die Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran ist nicht neu. Seit Jahren kreist die sicherheitspolitische Debatte um drei Kernpunkte: das iranische Nuklearprogramm, das (ballistische-)Raketenprogramm, sowie die Destabilisierung der gesamten Region durch iranische Proxys (z. B. die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen oder die Hamas im Gazastreifen).

Auch Europas Parlamentarier nehmen den Iran als große Bedrohung war. Im Israel Survey 2025 wurde die Islamische Republik unter den befragten Abgeordneten nach Russland am zweithäufigsten genannt. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine markiert eine neue Qualität der Gefahrenlage: Der Einsatz iranischer Drohnen durch Russland im Krieg gegen die Ukraine verleiht dem Irankonflikt eine unmittelbare sicherheitspolitische Relevanz für Europa. Zugleich erhöhen die jüngsten iranischen Angriffe auf benachbarte arabische Staaten das Eskalationspotenzial im gesamten Nahen Osten.

Raketen statt Atom: Israels Bedrohungswahrnehmung

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung stehe aus israelischer Sicht nicht primär das Nuklearprogramm im Zentrum, sondern das iranische Arsenal ballistischer Raketen, so Schneider. Schätzungen gehen von rund 2.500 verbliebenen Raketen mit erheblichem Zerstörungspotenzial aus.

In Israel herrscht breiter Konsens, den aktuellen Krieg „durchstehen zu müssen“. Die Lage werde als historische Gelegenheit wahrgenommen, die nukleare und ballistische Bedrohung nachhaltig zu eliminieren.

Die israelisch-amerikanische Geheimdienstkooperation gilt dabei als hochentwickelt. So habe es beispielsweise einen mutmaßlich gemeinsamen Cyberzugriff auf CCTV-Systeme (Videoüberwachungssysteme) in Teheran gegeben. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen kenne man Teheran „so gut wie Jerusalem“.

Innenpolitische Spannungen – in Israel wie in den USA

Innenpolitische Konfliktlinien werden in beiden Ländern deutlich:

  • In Israel belaste die Frage der Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden die Regierungskoalition von Benjamin Netanjahu erheblich.
  • Rund ein Viertel der Bevölkerung leistet keinen regulären Militärdienst, während die Belastung durch den Reservedienst für die übrige Bevölkerung steige.
  • Hinzu kommen anhaltende Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchungskommission zum „Staatsversagen“ am 7. Oktober – bislang blockiert durch die Regierung.

Auch in den USA sei die Lage politisch angespannt. Die Begründungen für das militärische Engagement – die Zerstörung des Atomprogramms, Schwächung des Regimes, Zerschlagung des Raketenarsenals – würden wechselnd von verschiedenen Regierungsvertretern kommuniziert. Die Demokraten kritisieren eine fehlende Kongressgenehmigung, während sich der Präsident Donald Trump auf seine Befugnisse als „Commander in Chief“ beruft.

Regionale Dynamik: Strategisches Fehlkalkül Teherans?

Iranische Angriffe auf benachbarte arabische Staaten haben offenbar nicht die erhoffte Abschreckungswirkung erzielt. Statt Druck auf Washington auszuüben, wächst in den Golfstaaten der Unmut gegenüber Teheran.

Die Sorge um wirtschaftliche Prosperität und regionale Stabilität überwiegt. Es zeichnet sich eine verstärkte regionale Abstimmung ab – potenziell sogar eine engere sicherheitspolitische Kooperation mit Israel. Perspektivisch könnte dies an die Logik der Abraham Accords anknüpfen – möglicherweise auch unter Einbindung von Saudi-Arabien.

Erstmals seit Jahrzehnten äußerte sich ein libanesischer Premierminister öffentlich und setzte damit ein positives Signal, indem er militärische Angriffe der Hisbollah vom libanesischen Staatsgebiet aus untersagte und damit Anzeichen wachsender Kriegsmüdigkeit im Libanon zum Ausdruck brachte. Das libanesische Militär ist jedoch nicht in der Lage, die Hisbollah zu entwaffnen.

Globale Auswirkungen: Die Straße von Hormus, Energiepreise und Großmachtpolitik

Eine mögliche Sperrung der Straße von Hormus birgt erhebliches Eskalationspotenzial. Eine Blockade würde:

  • die globale Energieversorgung massiv stören
  • potenziell eine Wirtschaftskrise auslösen
  • indirekten Druck auf Washington erzeugen

Russlands Lage ist ambivalent: Ein länger andauernder Konflikt bindet westliche Ressourcen und steigende Energiepreise füllen kurzfristig die russische Kriegskasse. Zugleich könnte China geschwächt werden, da Peking erhebliche Mengen iranischen Öls importiert. Eine Blockade der Straße von Hormus wäre für China somit problematisch. Zugleich eröffnet sich aus chinesischer Perspektive ein strategisches Zeitfenster im Indopazifik, sollte sich der amerikanische Fokus militärisch stärker in den Nahen Osten verlagern.

Die marginale Rolle Europas

Die Europäische Union verfüge aktuell über keine geschlossene Position und bringe sich kaum aktiv ein, so die Analyse von Richard C. Schneider.

Eine europäische Rolle wäre primär relevant bei:

  • einem möglichen Kriegsende oder Regimewechsel,
  • der Stabilisierung und dem Wiederaufbau,
  • der Verhinderung staatlichen Zerfalls.

Gleichzeitig wurde die mangelnde Resilienz insbesondere Deutschlands kritisch beleuchtet. Trotz jahrelanger „Zeitenwende“-Rhetorik fehlten robuste Heimatschutzstrukturen, zivile Krisenvorsorge und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit gegenüber hybriden Bedrohungen. Länder wie Polen, Finnland oder die baltischen Staaten seien hier deutlich weiter. Im laufenden Jahr setzt ELNET daher auch einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die Themen Resilienz und Bevölkerungsschutz.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Der Krieg befindet sich noch in seiner frühen Phase. Ob und wie schnell eine Seite strategische Vorteile erzielt, ist offen. Klar ist jedoch: Es geht um die perspektivische Frage, wie eine neue regionale Ordnung entstehen kann, in der wirtschaftliche Kooperation und Stabilität Vorrang vor permanenter Konfrontation haben.