Sicherheit an allen Fronten: Verteidigungspolitische Delegation in Israel

Mitte Oktober 2026 reiste eine deutsch-österreichische ELNET-Delegation aus Abgeordneten und sicherheitspolitischen Experten nach Israel. Wenige Tage vor der Knesset-Wahl und drei Jahre nach dem 7. Oktober standen die Lage an Israels Grenzen, die Verteidigungskooperationen sowie die Innovationskraft des Landes im Mittelpunkt.

Die Freundschaft und Partnerschaft zwischen Deutschland und Israel ist in den vergangenen Jahren enger geworden als je zuvor – gerade in Fragen der Sicherheit und Verteidigung. Auch mit Österreich verbinden Israel besondere Beziehungen, die sich in einem intensiven politischen Austausch und gemeinsamen Projekten widerspiegeln. Ziel der Delegationsreise war es, sich vor Ort ein umfassendes Bild der sicherheitspolitischen Lage zu machen und den Dialog mit israelischen Entscheidungsträgern aus Verwaltung, Militär, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu vertiefen.

Der Besuch fand zu einem besonderen Zeitpunkt statt: Am 27. Oktober wählt Israel eine neue Knesset. Die Wahl polarisiert die israelische Gesellschaft und gilt vielen als die wichtigste seit Jahren; auch in Europa wird sie mit großem Interesse verfolgt (mehr dazu im ELNET-Wahlbriefing). Zugleich jährte sich der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 zum dritten Mal. Israel befindet sich weiterhin im Kriegszustand an mehreren Fronten – mit tiefgreifenden, oft traumatisierenden Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.

Zum Auftakt der Reise informierte der österreichische Botschafter in Israel, Dr. Arad Benkö, die Delegation zur Lage im Land und Region. Im Mittelpunkt standen die innenpolitische Stimmung im Vorfeld der Wahl, die anhaltenden Bedrohungen an Israels Grenzen sowie die Folgen der regionalen Umbrüche der vergangenen Jahre.

Der Norden: Leben unter Bedrohung

Im Norden Israels setzten Vertreter der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) zur Lage an der Grenze zum Libanon auf den neuesten Stand. Die Bedrohung durch die Hisbollah für Ortschaften und Städte entlang der Grenze bleibt hoch. Besonders deutlich wird das in der Stadt Kirjat Schmona, die bereits 2024 von einer ELNET-Delegation aus Deutschland besucht wurde. Nach aktuellen Berichten zählt sie heute weniger als die Hälfte der rund 25.000 Einwohner, die dort vor dem 7. Oktober lebten. Seit Oktober 2023 mussten im Norden zwischenzeitlich mehr als 100.000 Menschen ihre Häuser verlassen. Viele von ihnen sind bis heute nicht zurückgekehrt.

Bewegend war der Besuch des drusischen Ortes Madschdal Schams auf den Golanhöhen. Am 27. Juli 2024 schlug hier eine von der Hisbollah abgefeuerte Rakete auf einem Fußballplatz ein und tötete zwölf dort spielende Kinder und Jugendliche. Im Gespräch mit Angehörigen der Opfer wurde deutlich, wie tief dieser Angriff die Gemeinschaft bis heute prägt.

Die Drusen sind eine Religionsgemeinschaft mit weltweit rund einer Million Angehörigen. Die meisten leben in Syrien, gefolgt vom Libanon, Israel und Jordanien. In Israel leben rund 150.000 Drusen. Auf den Golanhöhen sind es etwa 20.000. Die israelischen Drusen sind vollständig in Staat und Gesellschaft integriert. Drusische Männer leisten Wehrdienst in den IDF, viele erreichen hohe Ränge in Armee, Behörden und Polizei. Die israelische Regierung versteht sich als Schutzmacht aller Drusen – auch jenseits der eigenen Grenzen, da drusische Gemeinschaften in anderen Ländern oft verfolgt, unterdrückt oder ermordet werden, wie zuletzt die Gewalt in Syrien zeigte. In Deutschland leben rund 10.000 Drusen, vor allem in Berlin und Nordrhein-Westfalen.

Im Camp Ziouani auf den Golanhöhen brieften Soldaten der United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF) die Delegation zur Lage an der syrischen Grenze. UNDOF wurde im Mai 1974 nach dem Jom-Kippur-Krieg eingerichtet. Sie überwacht seither den Waffenstillstand zwischen Israel und Syrien sowie die entmilitarisierte Pufferzone zwischen beiden Staaten. Deutlich wurde: Der Regimewechsel in Syrien nach dem Sturz Baschar al-Assads ist eine Herausforderung für die Sicherheit Israels – und zugleich eine Chance für eine neue Ordnung an der Nordgrenze.

Wissenschaft und Innovation in Haifa

In Haifa besuchte die Delegation das Technion – Israel Institute of Technology. Die Hochschule blickt auf mehr als 100 Jahre Geschichte zurück und hat deutsche Gründungswurzeln: Der Grundstein wurde 1912 gelegt, maßgeblich unterstützt vom Hilfsverein der deutschen Juden. Der Streit, ob Deutsch oder Hebräisch Unterrichtssprache sein sollte, verzögerte den Lehrbetrieb; die ersten Studenten begannen 1924 – auf Hebräisch. Heute hat das Technion mehr als 15.000 Studenten und ist die Hochschule mit den meisten Patentanmeldungen in Israel. 31 Prozent der Bachelorstudenten sind arabische Israelis, deutlich mehr als der allgemeine Bevölkerungsanteil von rund 21 Prozent. Die Gesprächspartner unterstrichen die Bedeutung des EU-Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe, in das Israel nicht nur wissenschaftliche Exzellenz einbringt, sondern als Netto-Beitragszahler auch mehr einzahlt, als es an Fördermitteln erhält. Als Mitglied der EuroTech Universities Alliance ist das Technion zudem eng mit führenden europäischen Technischen Universitäten vernetzt, darunter der TU München.

Bei HiCenter Ventures, einem auf Defense Tech spezialisierten Investor, präsentierten Startups ihre Lösungen, darunter NexTenna, fov-ai sowie AeroFort, das Systeme zur Abwehr von Drohnen (Counter-small unmanned aircraft systems, C-sUAS) entwickelt. Gespräche mit Israel Aerospace Industries (IAI) und Elbit Systems gaben Einblicke in die deutsch-israelische Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen, die vor allem mit der Beschaffung des Raketenabwehrsystems Arrow 3 durch Deutschland eine neue Dimension erreicht hat.

Maritime Sicherheit: Besuch der Marinebasis Haifa

Auf der Marinebasis Haifa, die bereits 2022 von einer verteidigungspolitischen ELNET-Delegation wurde, erhielt die Delegation ein Briefing zur maritimen Sicherheit. Die israelische Marine schützt die Seewege, über die der Großteil des israelischen Außenhandels abgewickelt wird, sowie die Gasplattformen im Mittelmeer als kritische Infrastruktur. Zugleich verfügt sie mit ihren U-Booten über strategische Fähigkeiten, die von zentraler Bedeutung für Israel sind.

Die Marine ist ein Beispiel für die enge deutsch-israelische Verteidigungskooperation: Sowohl die U-Boote der Dolphin-Klasse als auch die Korvetten der Sa’ar-6-Klasse wurden in Kiel von ThyssenKrupp Marine Systems gebaut. Die Delegation besichtigte eine Korvette und ein U-Boot.

Diplomatie, Sicherheitspolitik und die „Informationsfront“

Zwei Tage in Jerusalem boten Gelegenheit zu vertiefenden Gesprächen über die aktuelle Sicherheitspolitik. Nach einem Austausch im Nationalen Sicherheitsrat diskutierte die Delegation im Außenministerium unter anderem die Lage im Libanon. Thematisiert wurde die Hoffnung auf eine Annäherung zwischen beiden Ländern. Dafür sei es notwendig, die libanesische Regierung auch aus Europa zu unterstützen und zugleich die Finanzierungsquellen der Hisbollah auszutrocknen. Bei mehreren Treffen ging es auch um die „Informationsfront“, die als weitere Front in den Kriegen seit dem 7. Oktober gesehen werden kann. Sie wirkt sich nicht nur auf die internationale Reputation Israels aus, sondern zunehmend auch auf die innen- und sicherheitspolitische Lage in Europa und den USA. Als Herausforderung nannten die Gesprächspartner einseitige Betrachtungen und unvollständige Statistiken der Vereinten Nationen sowie die Übernahme von Hamas-Propaganda durch internationale Medien. Zwar werden Darstellungen später oft korrigiert, die Korrekturen fänden jedoch kaum Beachtung. Ein Austausch mit Tzachi Hanegbi rundete das Programm in Jerusalem ab. Hanegbi war Minister in verschiedenen Regierungen, Leiter des Nationalen Sicherheitsrats und ist heute unter anderem Chairman des ELNET Jerusalem Summits, welcher Mitte November 2026 erstmals in Israel ausgerichtet wird. Ein fester Bestandteil unserer Reisen ist der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, bei dem Teilnehmer der Delegation einen Kranz niederlegten. Die Auseinandersetzung mit der Schoa verdeutlicht die besondere historische Verantwortung, die das Verhältnis zu Israel bis heute prägt.
Eine historische Führung durch die Jerusalemer Altstadt mit Besuch des Österreichischen Hospizes und der Klagemauer gab Einblicke in die Geschichte der Stadt und ihre heutige Bedeutung für Judentum, Christentum und Islam.

Verteidigungsministerium: Innovation als Sicherheitsfaktor

Zum Abschluss der Reise erhielt die Delegation im israelischen Verteidigungsministerium Briefings zur Sicherheitslage an den Grenzen und zur Innovationskraft Israels im Verteidigungsbereich – von der heute auch Deutschland, Österreich und viele weitere europäische Länder profitieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Direktorat für Verteidigungsforschung und -entwicklung (Directorate of Defense Research and Development, DDR&D, hebräisch MAFAT), welches die Forschung und Entwicklung des Ministeriums steuert und mit mehr als 300 Startups zusammenarbeitet. Beeindruckend: Allein im ersten Halbjahr 2026 vergab das Ministerium an Startups Aufträge im Umfang von fast einer Milliarde Schekel – doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum.

Fazit: Kein Schritt zurück

Immer wieder verdeutlichten die israelischen Gesprächspartner – Vertreter der Zivilgesellschaft, Startups, Ministerien und der IDF –, dass es aus ihrer Sicht kaum einen Schritt zurück geben könne. Die Bedrohungen an den Grenzen seien weiterhin real und existenziell und müssten daher endgültig abgewendet werden. An dieser Einschätzung würde sich auch unter einer anderen Regierung kaum etwas ändern. Erst dann sei eine neue Grundlage für Frieden in der Region gegeben – einen Frieden, den sich die allermeisten Menschen im Land sehnlichst wünschen.