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Der Iron Dome in den VAE: Eine Feuerprobe für die Abraham-Abkommen?

Am 26. April wurde durch Medienberichte bekannt, dass Israel eine Iron-Dome-Batterie samt Soldaten in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verlegt hat, um das Land vor iranischen Raketen zu schützen. Der Einsatz des Systems ist mehr als ein technisches Detail. Er ist ein Prüfstein der ambitioniertesten diplomatischen Initiativen der letzten Jahre, der Abraham-Abkommen.

Die Dynamiken, die durch die Eskalation des Irankriegs entfaltet wurden, werfen grundlegende Fragen nach den künftigen Beziehungen der Staaten des Nahen Ostens untereinander und darüber hinaus auf. Während sich an einigen Fronten vorsichtige diplomatische Bewegungen abzeichnen, wie zwischen Israel und dem Libanon, entstehen an anderer Stelle neue Spannungen, etwa im Zusammenhang mit dem Austritt der VAE aus der OPEC, der das bilaterale Verhältnis zu Saudi-Arabien belastet. Parallel dazu steht die künftige Rolle der Vereinigten Staaten als Sicherheitsgarant der Region im Fokus: Die unmittelbaren Auswirkungen des Konflikts auf die Golfstaaten machen deutlich, dass externe Schutzversprechen der USA nicht uneingeschränkt greifen und lenken den Blick darauf, wie regionale Akteure ihre sicherheitspolitischen Optionen mittel- und langfristig ausrichten.

Die VAE gehören zu den am stärksten von iranischen Angriffen betroffenen Golfstaaten. Nach Angaben des emiratischen Verteidigungsministeriums war das Land bislang Ziel von rund 550 ballistischen Raketen und mehr als 2.200 Drohnen. Insbesondere in Dubai beschädigten die Angriffe die Infrastruktur und lösten Brände aus. Zu den Zielen zählten unter anderem Treibstofftanks am Flughafen, Hafenanlagen sowie das weltweit bekannte Luxushotel Burj Al Arab. Mehrere Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Vor diesem Hintergrund wandten sich die VAE laut Berichten des Nachrichtenportals Axiosmit der Bitte um konkrete Unterstützung an Israel. Der jüdische Staat reagierte unter anderem mit der Entsendung einer Iron-Dome-Batterie sowie israelischer Soldaten, die erfolgreich zur Abwehr eingehender Flugkörper eingesetzt wurden.

Das mobile israelische System zur Abwehr von Kurzstreckenraketen und Artilleriegeschossen hat sich unter realen Einsatzbedingungen vielfach bewährt und gilt als eines der effektivsten Systeme seiner Art. Seine Funktionsweise basiert auf der schnellen Erfassung eingehender Bedrohungen durch Radar, der Berechnung ihrer Flugbahn und einer Priorisierungslogik, die nur jene Geschosse abfängt, die tatsächlich eine Gefahr für bewohnte Gebiete oder kritische Infrastruktur darstellen. Gerade diese Priorisierungslogik macht den Einsatz kosteneffizient – ein zentraler Faktor in einem Konfliktumfeld, das durch eine ausgeprägte Kostenasymmetrie geprägt ist: Günstige Drohnen und Raketen zwingen Verteidiger zum Einsatz deutlich teurerer Abfangsysteme.

Der Iron Dome steht symbolisch für die Widerstandskraft Israels im Angesicht konstanter existenzieller Bedrohungen. Gerade vor diesem Hintergrund erhält die Entscheidung Israels, den Iron Dome in den VAEeinzusetzen, eine besondere politische Dimension. Denn Israel selbst steht auch aktuell unter anhaltendem sicherheitspolitischem Druck und ist weiterhin regelmäßig Ziel von Raketen- und Drohnenangriffen. Die Verlegung eines zentralen Verteidigungssystems ins Ausland ist für Israel in der aktuellen Lage mit erheblichen innenpolitischen Risiken verbunden. Umso bemerkenswerter ist es, dass das Land bereit ist, ein zentrales Element seiner eigenen Verteidigungsarchitektur im Ausland einzusetzen. In der Vergangenheit hatte Israel entsprechende Anfragen – etwa aus der Ukraine – mit Verweis auf eigene Sicherheitsinteressen und strategische Erwägungen abgelehnt. Umgekehrt dürfte auch der Einsatz israelischer Soldaten auf dem Territorium der Vereinigten Arabischen Emirate zu kritischen Debatten innerhalb der emiratischen Gesellschaft führen.

Dass nun dennoch Unterstützung für die VAE geleistet wird, verweist auf eine neue Qualität der Beziehungen zwischen beiden Staaten. Diese Entwicklung ist eng mit den Abraham-Abkommen verknüpft, die 2020 unter Vermittlung der Vereinigten Staaten unterzeichnet wurden und zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten, darunter den VAE, führten. Während viele Kritiker den Abschluss der Abkommen vor allem als von wirtschaftlichen Interessen getrieben sahen, zeigt die aktuelle Situation, dass der Mehrwert weit darüber hinausgeht. Konkret stellt die enge Kooperation zwischen VAE und Israel einen Gewinn für die Sicherheit beider Länder dar. Was einst als diplomatisches Experiment begann, entwickelt sich zunehmend zu einem sicherheitspolitischen Faktor und genau darin könnte die eigentliche Tragfähigkeit der Abraham-Abkommen liegen.

Für Europa und Deutschland ergibt sich aus dieser Entwicklung eine strategische Chance. Wollen sie nicht am Spielfeldrand der sicherheitspolitischen Neuordnung des Nahen Ostens stehen, gilt es, ihr diplomatisches und wirtschaftliches Gewicht gezielt einzusetzen und die Abraham-Abkommen zu stärken. Ein möglicher Schritt wäre die Institutionalisierung des Prozesses, etwa durch die Einrichtung eines multilateralen Abraham-Accords-Sekretariats.

Denn eines zeigt sich bereits jetzt deutlich: Die Abraham-Abkommen haben mit dem Einsatz des Iron Dome in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine sicherheitspolitische Feuerprobe bestanden – und bewiesen, dass der Wunsch nach Normalisierung und friedlichen Beziehungen weit über einen symbolischen Akt hinausgeht und auch angesichts der Dynamiken des Irankrieges auf einem stabilen Fundament steht.

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