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Antisemitische Straftaten auf neuem Rekordniveau

Die heute von Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesministerium des Innern (BMI) veröffentlichten Zahlen zu politisch motivierter Kriminalität 2025 (PMK) bestätigen eine alarmierende Entwicklung: Antisemitische Straftaten erreichen in Deutschland erneut einen historischen Höchststand. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 6.548 antisemitische Delikte registriert. Das entspricht einem weiteren Anstieg um fünf Prozent gegenüber dem bereits extrem hohen Vorjahreswert.

Damit bestätigt sich ein Trend, den ELNET seit Jahren mit großer Sorge beobachtet: „Antisemitismus ist kein Randphänomen und kein kurzfristiger Reflex auf einzelne politische Ereignisse. Er zeigt sich auf der Straße, in Schulen, an Hochschulen, im Kulturbetrieb, in politischen Debatten und besonders im digitalen Raum. Die PMK-Statistik erfasst dabei nur jene Taten, die angezeigt, polizeilich registriert und entsprechend zugeordnet werden – vermutlich nur die Spitze des Eisbergs, auf dem unsere Gesellschaft aufzulaufen droht. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Die Politik muss ihre Anstrengungen weiter ausbauen, sonst droht ein Kipppunkt, der kaum zurückzudrehen sein wird“, kommentiert Carsten Ovens, CEO des European Leadership Network (ELNET) in Berlin die aktuellen Zahlen.

Besonders auffällig ist der hohe Anteil antisemitischer Straftaten mit Bezug zum Nahost-Konflikt. Fast die Hälfte aller antisemitischen Delikte wurde 2025 in diesem Themenfeld erfasst. Das Feld ist jedoch nicht mit dem Phänomenbereich ausländischer Ideologie gleichzusetzen: Während der Nahost-Bezug das Themenfeld beschreibt, ordnet der Phänomenbereich die mutmaßliche Ideologie hinter einer Tat ein. Israelbezogener Antisemitismus tritt also in unterschiedlichen Milieus und ideologischen Spektren auf.

Gerade diese Mehrdimensionalität zeigt, wie breit israelbezogener Antisemitismus inzwischen wirkt. Er ist keine neue Erscheinung, hat sich seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 aber massiv verschärft. Bereits 2022, also vor dem 7. Oktober, lagen die Fallzahlen der PMK mit 2.641 antisemitischen Straftaten auf hohem Niveau. 2025 waren es 6.548 Fälle – ein Anstieg um 3.907 Delikte beziehungsweise rund 148 Prozent. Damit haben sich die erfassten antisemitischen Straftaten innerhalb von drei Jahren weit mehr als verdoppelt. Die Entwicklung zeigt eine deutliche Enthemmung, die sich auf Demonstrationen, online, an Hochschulen und im Alltag jüdischer Menschen niederschlägt.

Zugleich bleibt der klassische rechtsextreme Antisemitismus der fallzahlenstärkste Phänomenbereich. Rund 46 Prozent der antisemitischen Straftaten wurden ihm zugeordnet. Neonazistische Ideologie, Verschwörungserzählungen, Holocaustrelativierung und antisemitische Propaganda bleiben feste Bestandteile rechtsextremer Mobilisierung.

Gleichzeitig stiegen die Fallzahlen im Bereich ausländischer Ideologie besonders deutlich um 18,2 Prozent. Dazu zählen Straftaten, bei denen eine aus dem Ausland stammende, nichtreligiöse Ideologie für das Begehen der Tat entscheidend ist. Antisemitismus tritt also in verschiedenen politischen und ideologischen Gewändern auf – und muss in allen Erscheinungsformen klar benannt und bekämpft werden.

Eine zentrale Rolle spielt erneut das Internet. Rund 40 Prozent der antisemitischen Delikte wurden online begangen oder verbreitet. Digitale Plattformen sind längst nicht mehr nur Begleiterscheinung politischer Radikalisierung, sondern zentrale Räume der Mobilisierung, Vernetzung und Enthemmung. Antisemitische Memes, Hasskommentare, Verschwörungsmythen und Gewaltfantasien erreichen dort in kürzester Zeit große Reichweiten – oft unter dem Deckmantel von Aktivismus oder vermeintlicher Aufklärung. Wer Antisemitismus wirksam bekämpfen will, muss digitale Bildung, Plattformverantwortung und konsequente Strafverfolgung zusammendenken.

Die neuen Zahlen sind ein Auftrag. Polizei und Justiz müssen antisemitische Straftaten konsequent verfolgen. Die Politik muss jüdisches Leben sichtbar schützen und Antisemitismusprävention langfristig finanzieren. Schulen, Hochschulen und Bildungsinstitutionen brauchen bessere Instrumente, um antisemitische Denkmuster zu erkennen und ihnen frühzeitig entgegenzutreten. Gleichzeitig braucht es niedrigschwellige Angebote, die Unsicherheiten abbauen, Wissen vermitteln und Dialog ermöglichen.

Genau hier setzt ELNET mit der Bildungskampagne Fragemauer an. Seit 2023 beantwortet die Kampagne anonym eingereichte Fragen zu jüdischem Leben und Israel verständlich, zugänglich und alltagsnah. Die Grundidee ist einfach: Wer fragt, kann lernen. Wer Wissen vermittelt, entzieht Vorurteilen den Boden. Mit Motiven, digitalen Formaten, Unterrichtsimpulsen, einem Kampagnenfilm und der im Handel sowie bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erhältlichen Buchausgabe „Die Fragemauer – 100 Antworten zu jüdischem Leben und Israel“ leistet ELNET einen konkreten Beitrag gegen Judenhass.

Mit den ELNET Awards werden zudem bereits seit 2021 Projekte und Initiativen gewürdigt, die sich auf herausragende Weise für jüdisches Leben und die Beziehungen mit Israel engagieren. Gerade kleinere Initiativen leisten vor Ort oft unverzichtbare Arbeit, erhalten aber nicht immer die öffentliche Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Die ELNET Awards geben ihnen eine Stimme, machen Best Practices sichtbar und stärken jene, die Antisemitismus im Alltag entgegentreten.

Die PMK-Zahlen 2025 zeigen: Diese Arbeit bleibt dringend notwendig. Antisemitismus darf nicht erst bekämpft werden, wenn aus Vorurteilen Straftaten werden. Er muss früher adressiert werden – in Sprache, Bildern, Codes und Erzählungen. Dafür braucht es klare politische Haltung, verlässliche Sicherheitsstrukturen und starke Bildungsarbeit. ELNET wird sich weiter dafür einsetzen, Antisemitismus in allen Formen sichtbar zu machen, ihm entschieden entgegenzutreten und jüdisches Leben in Deutschland und Europa zu stärken.

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