Seit Ende Februar hat sich die Lage im Nahen Osten dramatisch verschärft. An der Seite der USA führt Israel die Operation „Roaring Lion“ gegen den Iran durch – ein Konflikt, der sich schnell auf die gesamte Region ausgeweitet hat. Insbesondere die Golfstaaten sind durch den iranischen Raketenbeschuss unmittelbar betroffen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass dieser Krieg tiefgreifende geopolitische und wirtschaftliche Folgen nach sich zieht, die auch Europa erreichen. Vor diesem Hintergrund analysierte Michael Edelstein – Generalmajor a.D. der IDF und aktuell Executive Vice President bei Elbit Systems – die Geschehnisse bei Pita & Politics und kam mit den Gästen zu israelischen „Lessons Learned“ der vergangenen Jahre ins Gespräch.

Der Austausch stand im Zeichen einer engeren deutsch-israelischen Zusammenarbeit im Bereich sicherheits- und verteidigungspolitischer Innovationen. Carsten Ovens, CEO von ELNET in Berlin, betonte zu Beginn, die Zeitenwende müsse sich in Deutschland nun endlich im Handeln widerspiegeln. Israel sei dafür ein Vorbild, von dessen resilienter und wehrhafter Demokratie Deutschland viel lernen könne.
In der Diskussion wurde deutlich, dass die Operation „Roaring Lion“ eine strategische Zäsur in der israelischen Sicherheitsdoktrin darstellt: Neben Elemente einer primär defensiven Abschreckungsstrategie tritt nun ein präemptiver Ansatz. Die schiere Masse iranischer Raketen und ihr Zerstörungspotenzial für Israel, verstärkt durch die Lehren des 7. Oktobers 2023, begründen den Kurswechsel. Ziel der aktuellen Operation sei es, die Angriffsfähigkeit des Irans und seiner Proxies langfristig zu schwächen, ohne dabei notwendigerweise auf einen Regimewechsel hinzuarbeiten. Dabei unterstrich die Diskussion auch die Chancen für eine langfristige strategische Annährung mit den Golfstaaten. Sie teilen Israels Bewusstsein, dass langfristiger Frieden und Stabilität einen kurzfristigen Preis erfordern.
Ergebnis der Diskussionen des Pita & Politics war auch, dass sich aus den israelischen Erfahrungen der letzten zwei Jahre eine Reihe von Handlungsempfehlungen für Deutschland ableiten ließen – vor dem Hintergrund einer ähnlichen Bedrohungslage durch Russland:
1. „Irrational Blindness“: Entscheidungsträger sollten nicht von ihrem eigenen Ermessensspielraum auf den des Gegners schließen, sondern dessen Denkweise verstehen lernen. Trotz vorhandener Informationen über die Vorbereitungen in Gaza habe man selbst in Israel nicht glauben wollen, dass für die Hamas die Tötung von Zivilisten ein dezidiertes Ziel sein könne, wodurch man die Bedrohung unterschätzte.
2. Umfassende Vorbereitung: Deutschland sollte strategisch und operativ auf unterschiedliche Eskalationsstufen bis hin zu langanhaltenden Konflikten vorbereitet sein, um auf alle Szenarien reagieren zu können.
3. Rüstungsindustrielle und technologische Unabhängigkeit: Es braucht eine wehrtechnische Basis und kritische Schlüsseltechnologien im deutschen (oder europäischen) Raum, die nicht von externen Lieferketten und den Interessen Dritter abhängig sind, um die deutsche Verteidigungsfähigkeit im Kriegsfall konstant aufrechtzuerhalten. Die Intensivierung der Kooperation mit Israel auf diesem Feld kann helfen, bestehende Abhängigkeiten abzubauen.
4. Strategischer Weitblick: Nachhaltige Stabilität und Sicherheit lassen sich nur herstellen, wenn Politik und Gesellschaft dazu bereit sind, kurzfristig politische und ökonomische Kosten in Kauf zu nehmen und tagespolitischen Anreizen zu widerstehen.
Mit dem Format Pita & Politics wird ELNET auch künftig Möglichkeiten zum direkten Austausch mit israelischen Entscheidungsträgern und Experten schaffen. Auch wenn Deutschland und Israel in der Bewertung des Krieges nicht in allen Bereichen übereinstimmen, bleibt ein gegenseitiges Verständnis für getroffene Entscheidungen von zentraler Bedeutung.