In Deutschland gelten Neuwahlen als politische Ausnahme, in Israel sind sie beinahe Alltag. Während es in der Bundesrepublik, die ein Jahr jünger ist als Israel, bislang vier vorgezogene Bundestagswahlen (1972, 1983, 2005 und 2025) gab, wurde in Israel allein zwischen 2019 und 2022 fünfmal vorzeitig neu gewählt.
Nun steht das Land erneut vor einer vorgezogenen Wahl. Die Regierungskoalition von Premierminister Benjamin Netanjahu hat einen Gesetzentwurf zur Auflösung des israelischen Parlaments – der Knesset – eingebracht, der am 20. Mai in einer Vorabstimmung von 110 der 120 Abgeordneten gebilligt wurde. Der Zeitplan für die drei weiteren Lesungen der Gesetzesfassung ist noch offen.
Sollte das Gesetz in diesem Rahmen abschließend verabschiedet werden, müsste die Neuwahl frühestens 90 Tage später stattfinden. Beobachter rechnen mit einem Wahltermin entsprechend im Spätsommer oder Herbst 2026.
Warum es zu Neuwahlen kommt
Auslöser der aktuellen Krise ist vor allem der Streit über die Wehrpflicht ultraorthodoxer Juden. Seit Jahrzehnten sind viele Haredim, ultraorthodoxe israelische Männer, die an religiösen Schulen studieren, faktisch vom Militärdienst ausgenommen. Diese Sonderregelung ist im Land hoch umstritten, weil der Militärdienst für die Mehrheit der Bevölkerung ein zentrales Element staatsbürgerlicher Gleichheit darstellt.
Der Oberste Gerichtshof Israels hatte 2024 die bisherige Praxis der Ausnahmen für ultraorthodoxe Männer für rechtswidrig erklärt. Seitdem steht die Regierung unter Druck, eine gesetzliche Neuregelung zu schaffen. Die regierungstragenden ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereinigtes Tora-Judentum (VTJ) fordern weiterhin umfangreiche Ausnahmen, während säkulare und oppositionelle Parteien auf eine stärkere Gleichbehandlung beim Militärdienst bestehen.
Für Netanjahus Regierung wurde dieser Konflikt zur Belastungsprobe und seine brüchige Koalition, die sich auch auf religiöse und nationalistische Parteien stützt, droht zusammenzubrechen. Die Einbringung des Auflösungsgesetzes gilt daher als Versuch, die Kontrolle über Zeitpunkt und Bedingungen einer möglichen Neuwahl zu behalten. Netanjahu kam damit der Opposition zuvor, die angesichts der aktuellen Regierungskrise ebenfalls plante, Gesetzesvorschläge zur Auflösung der Knesset einzubringen.
Der Wahlkampf zur 26. Knesset hat längst begonnen
Unabhängig von der Debatte über vorgezogene Neuwahlen hat sich Israel ohnehin bereits auf den regulären Wahltermin im Herbst 2026 zubewegt. Entsprechend haben sich Parteien und Spitzenkandidaten schon seit Monaten strategisch positioniert. Neue Bündnisse und personelle Weichenstellungen zeigen, dass der politische Wettbewerb längst begonnen hat.
Parteien und Spitzenkandidaten
Der Wahlkampf zur 26. Knesset wird stark von der Frage geprägt, ob der amtierende Premierminister Benjamin Netanjahu sein rechtes und religiös-nationales Lager zusammenhalten kann oder ob sich eine tragfähige Alternative im politischen Zentrum formiert.
Der Likud bleibt dabei die zentrale Kraft des bisherigen Regierungslagers. Netanjahu setzt im Wahlkampf vor allem auf seine außen- und sicherheitspolitische Erfahrung und präsentiert sich als Garant von Stabilität in einer Phase anhaltender Bedrohungen.
Als wichtigster Herausforderer gilt Naftali Bennett. Der frühere Premierminister versucht, sich als pragmatische Alternative zu Netanjahu zu positionieren und insbesondere gemäßigte rechte sowie zentristische Wähler anzusprechen. Gemeinsam mit Jair Lapid und dessen Partei Jesch Atid führt Bennett das Oppositionsbündnis „Zusammen“. Lapid bleibt in ihm die wichtigste Stimme des liberalen und säkularen Zentrums.
Eine weitere Rolle im oppositionellen Spektrum spielt Gadi Eisenkot. Der ehemalige Generalstabschef der israelischen Armee genießt besonders in Sicherheitsfragen Vertrauen und richtet sich mit seiner Partei „Yashar“ Wähler der politischen Mitte.
Avigdor Lieberman und Jisra’el Beitenu vertreten hingegen einen nationalkonservativen, zugleich aber strikt säkularen Kurs. Besonders in der Debatte zur Wehrpflicht ultraorthodoxer Juden positioniert sich Lieberman klar gegen Sonderregelungen.
Links der Mitte tritt Jair Golan mit der Partei „Die Demokraten“ (HaDemokratim) an. Er stellt den Schutz demokratischer Institutionen, gesellschaftliche Reformen und die Kritik am nationalreligiösen Kurs der bisherigen Regierung in den Mittelpunkt.
Auch die arabischen Parteien könnten bei knappen Mehrheitsverhältnissen rechnerisch relevant werden, obschon ihre direkte Beteiligung an israelischen Regierungen bislang selten war.
Im rechtsnationalen Spektrum bleiben Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir zentrale Figuren. Smotrich ist Finanzminister und führt die Partei Religiöser Zionismus; er steht für einen harten sicherheitspolitischen Kurs und den Ausbau israelischer Siedlungen. Ben-Gvir, Minister für nationale Sicherheit und Vorsitzender von Otzma Jehudit, setzt auf innere Sicherheit und ein kompromissloses Vorgehen gegen Terrorismus.
Die Umfragen
Aktuelle Umfragen von Mai 2026 deuten auf ein äußerst knappes Rennen hin. Zwar bleibt der Likud weiterhin stärkste Einzelpartei, verliert jedoch im Vergleich zu früheren Wahlen deutlich an Zustimmung. Mehrere Umfragen sehen das Oppositionslager inzwischen vor der bisherigen Regierungskoalition. Besonders das neue Bündnis aus Bennett und Lapid erzielt starke Werte und könnte laut einzelner Erhebungen 27 Sitze erreichen. Darüber hinas zeigen Umfragen, dass eine Mehrheit der Israelis einen politischen Rückzug Netanjahus befürwortet.

Ausblick
Die Wahl zur 26. Knesset ist mehr als eine reguläre Parlamentswahl. Sie ist eine Richtungsentscheidung darüber, welchen politischen Kurs Israel nach den Krisenjahren seit dem 7. Oktober einschlagen wird. Beobachter attestieren dem Land seit Jahren einen Rechtsruck, der sich nicht nur in Wahlergebnissen, sondern auch in der stärkeren Bedeutung nationalistischer und religiöser Parteien zeigt.
Gleichzeitig wächst der Druck auf das politische Zentrum und die Opposition, eine glaubwürdige Alternative zu Netanjahu und seinem Lager zu formulieren. Entscheidend wird daher nicht nur sein, welche Partei stärkste Kraft wird, sondern welches Lager am Ende eine stabile Mehrheit organisieren kann. Die Wahl entscheidet damit über zentrale Streitpunkte: Wie geht Israel mit dem Krieg und seinen Folgen um? Welche Rolle sollen Religion und Staat künftig spielen? Und gelingt es, die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen zu überwinden oder werden sie durch das Wahlergebnis weiter vertieft?
Für Europa ergibt sich die Frage, wie sich die Wahlen auf das politische und gesellschaftliche Verhältnis zu Israel auswirken werden. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund der sich wandelnden öffentlichen Stimmung. Laut einer aktuellen Erhebung von ELNET in Kooperation mit Civey wird das Verhältnis mit Israel derzeit in Deutschland nur noch von 22 Prozent der Befragten positiv wahrgenommen, wenngleich ein weiterhin großes Interesse an einer engen Zusammenarbeit bei verschiedenen Themen besteht.