An Purim – in diesem Jahr am 3. März – feiern Jüdinnen und Juden weltweit die Vereitelung eines Vernichtungsplans gegen die jüdische Bevölkerung im Persischen Reich um das 5. Jahrhundert v. d. Z. Mit Mut und geschickter Taktik gelang es hier der Jüdin Esther, den persischen Minister Haman von einem Angriff auf die Jüdinnen und Juden abzuhalten und sogar eine signifikante Verbesserung für die jüdische Gemeinde im persischen Reich durchzusetzen.
Diese Erzählung aus dem Tanach oder Alten Testament wirkt im aktuellen Zusammenhang gleichzeitig wie ein hoffnungsvoller Wunsch für eine bessere Zukunft.
Sie macht aber auch darauf aufmerksam, dass jüdisches Leben im Nahen Osten eine lange Tradition hat. Die jüdische Gemeinschaft im Iran gehört zu den ältesten der Welt und existiert seit über 2.500 Jahren. Heute leben jedoch nur noch schätzungsweise 8.000 bis 20.000 Juden im Land – ein dramatischer Rückgang im Vergleich zu den rund 80.000 bis 100.000 Juden vor der Islamischen Revolution von 1979, nach der mehr als 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Iran verließen.
Obwohl Juden im Iran offiziell als religiöse Minderheit anerkannt sind und sogar einen reservierten Sitz im Parlament haben, leben sie unter einem System struktureller Diskriminierung und politischer Kontrolle. Viele Angehörige der Gemeinschaft vermeiden jede öffentliche Kritik am Regime oder an seiner aggressiven anti‑israelischen Ideologie aus Angst vor Repressionen. In Zeiten politischer Spannungen mit Israel geraten jüdische Bürger im Iran häufig unter Generalverdacht, mit Israel oder dem sogenannten „zionistischen Feind“ zu sympathisieren. Menschenrechtsorganisationen berichten, dass es in solchen Situationen zu Verhören, Festnahmen oder Einschüchterungen kommen kann – oft ohne klare Beweise für die Vorwürfe gegen die Betroffenen.
Diese Realität im Inneren spiegelt ein grundlegendes Merkmal des iranischen Systems wider: die systematische Unterdrückung politischer und gesellschaftlicher Gegner. Denn die Repression des Regimes endet nicht an den Landesgrenzen und auch nicht bei den jüdischen Bürgern. In den vergangenen Jahren hat der Iran seine Strategie der transnationalen Repression deutlich ausgeweitet. Immer häufiger versucht das iranische Regime, Kritikerinnen und Kritiker auch im Ausland zu überwachen, einzuschüchtern oder sogar zu entführen.
Für demokratische Staaten wie Deutschland stellt diese Entwicklung eine doppelte Herausforderung dar. Einerseits geht es um den Schutz von Dissidenten und politischen Flüchtlingen. Andererseits betrifft die transnationale Repression zunehmend auch die innere Sicherheit demokratischer Gesellschaften, etwa wenn ausländische Geheimdienste Oppositionelle ausspähen oder jüdische Einrichtungen ins Visier nehmen.
Iranische Aktivitäten in Europa
Das iranische Regime gehört laut einer globalen Untersuchung von Freedom House zu den Staaten, die transnationale Repression besonders systematisch einsetzen. Regime verfolgen mit diesen Methoden vor allem das Ziel, Kritik im Exil zum Schweigen zu bringen uns so auch oppositionelle Netzwerke zu destabilisieren. Dabei greifen Staaten wie der Iran zunehmend auf eine Kombination aus Geheimdienstoperationen, Cyberangriffen und sozialen Einschüchterungskampagnen zurück. Die Folgen sind häufig Angst, Selbstzensur und politischer Rückzug innerhalb von Diaspora‑Gemeinschaften.
Seit der Islamischen Revolution 1979 wurden Oppositionelle im Ausland wiederholt Ziel von Attentaten oder Entführungen: So wurde der deutsch-iranische Dissident Jamshid Sharmahd 2020 im Ausland von iranischen Sicherheitsdiensten entführt und später im Iran zum Tode verurteilt. Der Fall löste international scharfe Kritik aus und gilt als Beispiel für extraterritoriale Operationen des iranischen Regimes.
Auch in Deutschland gab es bereits konkrete Fälle iranischer Einschüchterungsoperationen – auch gegen Juden. So ließ die Bundesanwaltschaft 2025 in Dänemark einen mutmaßlichen Agenten festnehmen, der im Auftrag eines iranischen Geheimdienstes jüdische Einrichtungen und einzelne jüdische Personen in Berlin ausgespäht haben soll. Nach Einschätzung der Ermittler könnten die gesammelten Informationen der Vorbereitung weiterer Operationen bis hin zu möglichen Anschlägen gedient haben. In Reaktion auf den Vorfall bestellte das Auswärtige Amt den iranischen Botschafter in Berlin ein und erklärte, dass Bedrohungen gegen jüdisches Leben in Deutschland nicht toleriert werden würden.
Bereits zuvor gab es ähnliche Vorfälle. 2015 geriet der damalige Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und frühere Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, ins Visier eines Spions, der für die Al-Quds-Einheit der iranischen Revolutionsgarden tätig war. Der Agent verfolgte und fotografierte Robbe über Monate hinweg und legte detaillierte Bewegungsprofile an. Deutsche Behörden gingen davon aus, dass dabei mögliche Anschlagsziele mit Israel-Bezug ausgekundschaftet werden sollten. Auch in diesem Fall bestellte das Auswärtige Amt den iranischen Botschafter ein und bezeichnete solche Aktivitäten als vollkommen inakzeptabel.
Europäische Sicherheitsbehörden haben zudem mehrfach Netzwerke aufgedeckt, die im Auftrag iranischer Geheimdienste Informationen über Exiloppositionelle sammelten oder pro-israelische Organisationen oder Personen ausspähten. Auch iranische Hackergruppen werden regelmäßig mit Phishing‑Kampagnen und Spyware‑Angriffen gegen iranische Dissidenten, pro-israelische Organisationen und Journalisten im Ausland in Verbindung gebracht.
Transnationale Repression bedeutet somit nicht nur eine Bedrohung für einzelne Personen. Sie untergräbt die Souveränität Deutschlands demokratischer Strukturen.
Auswirkungen auf die Sicherheit von Jüdinnen und Juden in Deutschland
Die Aktivitäten iranischer Netzwerke und die Eskalation im Nahen Osten wirken sich so auch direkt auf die Sicherheitslage jüdischer Gemeinden in Europa aus. Sicherheitsbehörden sehen aktuell insbesondere jüdische und israelische Einrichtungen als potenzielle Ziele extremistischer oder staatlich gesteuerter Bedrohungen.
Zudem treffen solche transnationalen Repressionsversuche gegen Juden und Israelis in Deutschland leider auf einen bereits bestehenden antisemitischen Nährboden, was ihre Wirkung zusätzlich verstärken kann. Denn parallel zu diesen fremdstaatlich gesteuerten Entwicklungen hat sich der Hass, der jüdischen Gemeinden in Deutschland entgegenschlägt, in den letzten Jahren ohnehin deutlich verschärft.
Der Bundesverband der Recherche‑ und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) dokumentierte 8.627 antisemitische Vorfälle im Jahr 2024 – ein Anstieg um rund 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rechnerisch entspricht dies etwa 24 antisemitischen Vorfällen pro Tag. Ein Großteil dieser Vorfälle steht im Zusammenhang mit politischen Konflikten im Nahen Osten. Laut RIAS hatten 68 Prozent der dokumentierten Vorfälle einen Bezug zu Israel oder zum Israelisch-Palästinensischen Konflikt. Auch die neuerliche Eskalation mit dem Iran wird sicherlich negative Auswirkungen für jüdisches Leben in Deutschland mitbringen.
Transnationale Repression betrifft damit nicht nur Dissidenten im Exil, sie kann auch die Sicherheit von Minderheiten und politischen Institutionen in demokratischen Staaten beeinträchtigen und die freiheitlich demokratische Grundordnung beschädigen: eine Problematik, der sich die Bundesrepublik noch konsequenter annehmen muss. Sie ist auch eine Frage der Sicherheit demokratischer Gesellschaften und des konsequenten Schutzes jüdischen Lebens in Europa.
